Willkommen in der Neo-Steinzeit
Vom Großen ins Kleine: Wohnen mit Marmor
Ein einzelnes Möbel aus Marmor ist ein einfacher Weg, ein Stück Luxus in die eigenen vier Wände zu bringen. Umso besser, wenn das Möbel dabei nicht so schwer daherkommt. Denn: Wer schon einmal mit Meißel und Hammer Stein bearbeitet hat, weiß, wie schwer und mitunter unberechenbar sich dieses Urelement verhält. Umso naheliegender erscheint die Geste, genau diese handwerkliche Dimension in einem Möbeldesign herauszuarbeiten.
Der Side Table (links) und der Brasserie Table (rechts) aus der Serie „Tresse“ des Designers Haydn von Werp. Fotos: Haydn von Werp
Die Arbeiten „Tresse“ und „Stemma“ des in Mailand lebenden amerikanischen Designers Haydn von Werp verfolgen genau diesen Ansatz. Gemeinsam mit italienischen und französischen Handwerker:innen entwickelt, verbinden sie die Präzision zeitgenössischer Gestaltung mit traditionellen Fertigungstechniken. Der Begriff Tresse bezieht sich auf Flechtwerk, hier auf „geflochtenen“ Stahl, der in seiner Schmiedeästhetik roh und filigran zugleich anmutet. Neo-Neo-Barock mit einem Hauch von Historismus: Diese Gestaltungssprache bedient sich einer Vielzahl bestehender Assoziationen und geschichtlicher Verbindungen.
Die Serie „Eros“, 1971 entworfen vom italienischen Designer Angelo Mangiarotti. Fotos: Andrea Ferrari
Eine der schönsten Eigenschaften von Naturstein: Er funktioniert sowohl im Detail als auch in der großen Geste. Die von Angelo Mangiarotti 1971 entworfene Serie „Eros“ des Herstellers Agapecasa beweist diese These. Die Tischserie kommt ganz ohne Schrauben oder andere zusätzliche Verbindungen aus. Die schwere Platte verfügt über rundliche Aussparungen und wird schlicht auf kegelförmige Beine aufgelegt. Dadurch entsteht nicht nur eine stabile Verbindung, sondern ein formschönes Detail in der Oberfläche, bei dem unterschiedliche Maserungen aufeinandertreffen. Der Designer selbst hob bereits vor über fünfzig Jahren die für die Konstruktion entscheidenden Materialeigenschaften von Marmor hervor: „Marmor ist starr und schwer, und genau diese Eigenschaften machen diese äußerst einfache Verbindung möglich. Es wäre undenkbar, eine solche Verbindung mit Materialien herzustellen, die nicht dieselben Eigenschaften aufweisen.“
Zusammenspiel der Elemente: Marmor im Bad
Überdimensionaler Handschmeichler: die Reihe „Sessenta“ von Agape. Fotos: Agape
Im Daoismus umfasst die Lehre der Elemente – anders als in vielen westlichen Glaubenstraditionen – fünf statt vier Grundelemente: Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser. Während die Erde (zu der auch der Stein zählt) für Stabilität, Ausgleich und Beständigkeit steht, symbolisiert Wasser Bewegung, Wandel und die Fähigkeit, sich mühelos an unterschiedliche Bedingungen anzupassen. Erde und Wasser bilden somit eine ideale Verbindung aus Stabilität und Dynamik. Eine Kombination, die wir uns in der Interiorgestaltung zunutze machen können – denn Marmor bringt Eleganz in jede Badezimmergestaltung. Hier zu sehen am Beispiel von Entwürfen von den italienischen Herstellern Agape und Kreoo. So wirken die Waschbecken durch ihre kreisförmige Grundform und ihrer natürlichen Maserung wie ein übergroßer Handschmeichler: ruhig, schwer und zugleich überraschend weich in ihrer Erscheinung.
Links: „Palace“ von Christophe Pillet für Kreoo. Rechts: die Waschbeckenserie „Musina and Posso“ von Luca Nichetto für Kreoo. Fotos: Kreoo.
Wärme und Verbindung: Marmor als Leuchtmittel
Die Leuchtenserie „Viscoelastic Stone“ von Studio Mut ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit mit dem mexkanischen Natursteinverarbeiter Mármoles Covarrubias. Fotos: Samael Covarrubias
Licht und Naturstein scheint auf den ersten Blick eine sehr ungewöhnliche Kombination – bringt aber wirkungsvoll Wärme in Wohnräume. Diesem Prinzip bedient sich beispielsweise die Leuchtenserie „Viscoelastic Stone“ vom Studio Mut, die in Kooperation mit dem mexikanischen Natursteinverarbeiter Mármoles Covarrubias entstand. Sie kombiniert Onyx mit porösem Vulkangestein und spielt bewusst mit Erwartungen an Materialität. Der schwere schwarze Stein scheint den hellen Onyx unter seinem Gewicht zu erdrücken. Diesen Eindruck verstärken die gegensätzlichen Oberflächen: Der glatte, lichtdurchlässige Onyx mit feinen Adern trifft auf die raue, matte und tiefschwarze Struktur des Vulkangesteins.
Experimental Rock: Spielen mit Steinen
Fooddesign auf Naturstein: eine Arbeit des Antwerpener Studio DO. Foto: Attila Boltresz
Das Antwerpener Studio DO, gegründet von Schmuckgestalterin Dana Seachuga und Künstler Octave Vandeweghe, wählt einen experimentellen Ansatz. Aus ihrer gemeinsamen Leidenschaft für die Steinbearbeitung erforschen sie die kulturelle und materielle Bedeutung von Natur- und Edelsteinen. Statt Steine in vorgegebene Formen zu zwingen, entwickeln sie Installationen, die den Fundstücken neue Funktionen geben. Gestaltung und Handwerk stehen dabei gleichberechtigt nebeneinander. Wie das praktisch aussieht, zeigte ein von Studio DO entworfenes Dinner-Konzept, präsentiert auf Naturstein. Das Ergebnis: kein klassisches Designobjekt, sondern eine unmittelbare, sinnliche Erfahrung.
Einen ähnlich experimentellen Ansatz verfolgt das Projekt „New Rocks“ von Jules Péan. Für das Projekt sammelte der Luxemburger Designer Restabfälle im Bergbau und auf Baustellen. Daraus entstand eine Möbelserie, die modular immer in anderen Kombinationen zusammengestellt werden kann.
Die Möbelserie „New Rocks“ von Jules Péan besteht aus gefundenen Industrieabfällen. Foto: Anwyn Howarth
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the thing Agency