Köln: 27.–31.10.2026 #iddcologne

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Vielleicht plant KI dein Zuhause besser als du selbst

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Können Sie sie noch hören, die scheinbar endlose Debatte über Künstliche Intelligenz? Besonders in der Kreativbranche sorgt KI für Aufregung: etwa, wenn das Cover von Kirsten Boies Kinderbuch „Skogland brennt“ mithilfe von KI entsteht. Wenn das angesehene Magazin The New Yorker KI-generierte Illustrationen auf dem Cover verwendet. Oder wenn Random House gegen OpenAI klagt, weil ChatGPT auf einfache Eingaben hin Inhalte aus urheberrechtlich geschützten Büchern wie „Der kleine Drache Kokosnuss“ wiedergibt. Kritiker:innen warnen: KI dürfe kreative Arbeit nicht ersetzen. Sie nehme Gestalter:innen Aufträge weg und greife gleichzeitig ungefragt auf deren Werke zurück, indem sie mit bestehenden Daten trainiert werde. Dennoch haben viele Menschen sich erschreckend schnell daran gewöhnt, Chatbots um Rat zu fragen – sei es bei Alltagsproblemen („Ist mein Haustier krank?“) oder bei Wissensfragen („Wann war noch mal die Französische Revolution?“).

KI ist längst in der Interior-Welt angekommen – in unterschiedlichsten Bereichen, wie beispielsweise bei KI-Visualisierungen von Marten Herma Anderson, die absichtlich abstrahiert sind.

Auch bei der privaten Gestaltung von Innenräumen kann KI unterstützen („Welche Wandfarbe passt in mein Wohnzimmer? Welchen Bodenbelag sollte ich wählen?“). Aber auch in der professionellen Möbel- und Interiorbranche ist KI längst Teil vieler Prozesse. Wir nehmen Sie mit auf einen kurzen Ritt durch die Branche: Dafür haben wir eigene Erfahrungen gesammelt, Möbelhersteller und unabhängige Architekten interviewt.

It listens and it doesn’t judge: Der Chatbot als Stilassistenz

Die Deutschen sind international nicht unbedingt für ihre Stilsicherheit bekannt. Umso nützlicher sind digitale Tools, die jede noch so heikle Einrichtungsfrage beantworten: Brauche ich eine andere Wandfarbe? Wie setze ich Licht richtig ein? Welcher Bodenbelag passt? Ein Mitglied der idd-cologne-inspiration-Redaktion hat das kürzlich bei einer Renovierung getestet. Wir baten einen Chatbot, ein Foto eines Raums mit verschiedenen Bodenbelägen und Wandfarben zu simulieren. Solche KI-Tools erlauben es heute, Räume ohne Photoshop-Kenntnisse zu verändern, zu ergänzen oder neu zu gestalten – eine einfache Methode, um erste Ideen auszuprobieren. Doch oft wirken die Ergebnisse enttäuschend flach, die Farben falsch. Am Ende führt kaum ein Weg daran vorbei, mit Moodboards und echten Materialmustern zu arbeiten.

Geschmackssache: KI in Küchenstudios

Küchenanbieter und -studios setzen zunehmend auf 3D- und KI-Tools. Mitunter kommen sogar Tools der Augmented Reality (AR) zum Einsatz. Das liegt wohl auch daran, dass für die Endkund:innen der Abstraktionsgrad aufgrund der Komplexität einer Küche recht hoch ist. Auf ihren Websites ermöglichen die Anbieter, erste Entwürfe bequem von zuhause zu simulieren und eigene Ideen visuell zu testen. Wir haben einige dieser Tools getestet und können sagen: Sie sind alle, sagen wir, durchwachsen. Sie taugen, um einen ersten Eindruck zu gewinnen, doch für eine konkrete Planung braucht es (zum Glück) weiterhin echte Expertise.

Der Verdacht drängt sich auf, dass diese Anwendungen vor allem deshalb existieren, weil sie im Trend liegen – weniger, weil sie wirklich überzeugen. Die Ergebnisse wirken oft glatt und künstlich, fast so, als wären wir auf Elon Musks Marskolonie gelandet. Zufall?

Nobilia Küche

Dieses Bild hat das idd cologne inspiration Team mit dem Nobilia-KI-Küchenplaner erstellt.

Das Küchenstudio Wendt plädiert auf seiner Website für einen bewussten Umgang mit KI in Kombination mit persönlicher Beratung: „Eine Küche ist kein Produkt von der Stange. [Nur] Die Kombination aus moderner Technik und echter Fachberatung führt zu Ergebnissen, die sowohl funktional als auch emotional überzeugen.“

Zwischen Simulation und Realität: KI bei Herstellern

Fotoshootings in der Möbelbranche galten lange als eines: aufwendig. Möbel mussten an speziell vorbereitete Locations gebracht, Räume leergeräumt und künstliche Wohnsituationen über Stunden oder Tage inszeniert werden. Am Ende waren viele Stücke kaum noch verkäuflich – zerkratzt, beschädigt oder schlicht „durchgespielt“. Seit einigen Jahren setzen Hersteller daher verstärkt auf 3D-modellierte Wohnwelten. Diese sind schneller, flexibler und deutlich effizienter. Besonders häufig entstehen dabei digital erzeugte Freisteller, die in künstliche Räume eingefügt werden. Gleichzeitig entwickeln sich auch freie, künstlerische Projekte in diesem Bereich: etwa die digitalen Werke von Andrés Reisinger ( wir berichteten ) oder die „Dreamspaces Apartments“ von Isabelle Angèle, das reale Sammlerstücke in vollständig virtuelle Umgebungen überträgt. Doch auch diese Praxis wandelt sich bereits. KI beginnt, die klassische 3D-Visualisierung zu verändern.

Zwei virtuelle Apartments

„L’Orangerie“ (links) und „Palladium“ (rechts) sind zwei virtuelle Apartments mit Design-Sammlerstücken, die von Isabelle Angèle kuratiert und von den 3D-Künstler:innen Odd in Shape und Joe Mortell umgesetzt wurden.

Christoph Steiger, Gründer vom Berliner Label Objekte unserer Tage, beschreibt diese Entwicklung so: „Vor ein paar Jahren haben wir Wohnwelten ausschließlich in 3D gebaut. Heute entstehen viele unserer Stimmungsbilder als KI-Co-Kreationen.“ Dies verändere seine Arbeit grundlegend: „Wir gewinnen Geschwindigkeit und Skalierbarkeit, können große, atmosphärisch dichte Räume schneller und überzeugender inszenieren. Gleichzeitig stellt uns das vor eine neue Herausforderung: die eigene visuelle DNA konsequent zu definieren. „Je mächtiger das Werkzeug, desto klarer muss die Handschrift dahinter sein.

Raumsimulationen vom Berliner Label OUT – Objekte unserer Tage.

Was im Gespräch mit Steiger deutlich wird: KI ist mehr als ein Werkzeug – sie verändert die Bedingungen, unter denen Gestaltung entsteht. Prozesse laufen schneller ab, Bilder werden leichter reproduzierbar. Doch zugleich wird es komplizierter, eine eigene visuelle Handschrift zu wahren. Die zentrale Frage bleibt: Wie verändert sich unser Verständnis von Möbeln und Räumen, wenn wir sie immer häufiger nur in künstlich erzeugten Bildern sehen? Wenn das Zuhause zuerst als Simulation existiert, bevor es real entsteht?

Moderne Küche mit Holztisch

Sehen Sie einen Unterschied? Dieses Bild ist ein „echtes“ Foto, gemacht von Anne Deppe für Objekte unserer Tage.

Mehr Output, weniger Verbindlichkeit? KI in der Innenarchitektur

Auch in der Architektur hält KI zunehmend Einzug – nicht nur in der Visualisierung, sondern bereits im Entwurfsprozess. Besonders in der Schnittstelle zwischen Interior und klassischer Bauplanung wird deutlich, wie stark sich Arbeitsweisen verschieben. Der Architekt Marten Herma Anderson, der sowohl frei arbeitet als auch im Büro von Gisbert Pöppler tätig ist, beschreibt seinen Umgang mit KI-Bildgeneratoren ambivalent: „Ich nutze sie täglich. Und ich sage das mit der gleichen Energie wie jemand, der zugibt, jeden Morgen Energy Drinks zu trinken: Es funktioniert, aber man ist sich nicht ganz sicher, ob es gut ist.“

KI-Visualisierungen von Marten Herma Anderson, die absichtlich abstrahiert sind. Der Architekt geht so vor, damit gegenüber den Kund:innen ein gewisser Gestaltungsspielraum bleibt.

Was zunächst nach Effizienz klingt, hat direkte Auswirkungen auf die Kommunikation mit Auftraggeber:innen. Bilder, so Anderson, werden schnell als Versprechen gelesen: „Zeig jemandem ein fotorealistisches Rendering mit dem perfekten Licht, dem perfekten Sofa und der perfekten Pflanze – und sie wollen genau das.“ Die Folge sei eine neue Dynamik zwischen Auftraggebenden und Gestaltenden: Entwürfe werden zwar schneller produziert, aber auch schneller infrage gestellt und gefühlt endlos variiert. Was früher Zeit und damit auch Gewicht hatte, verliert an Verbindlichkeit. Anderson spricht in diesem Zusammenhang von einer Art „Fast Interior“, vergleichbar mit Fast Fashion: schnell verfügbar, visuell überzeugend, aber oft ohne Tiefe.

KI treibt diese Entwicklung voran. Räume entstehen in wenigen Minuten – oft mit einer visuellen Qualität, die früher Wochen erfordert hätte. Ob die Wohnwelten dann wirklich funktionieren, ob die Proportionen passen oder ob man darin wirklich leben kann, bleibt zunächst unklar. Für Planer:innen wächst daraus ein subtiler, aber anhaltender Druck. Nicht, weil KI ihre Arbeit ersetzt, sondern weil sie die Erwartungen verschiebt: mehr Output, schneller, jederzeit. Die gewonnene Zeit fließt selten in bessere Konzepte – sie mündet direkt in noch mehr Produktion. Anderson vergleicht dieses Gefühl mit einem historischen Bild: ein Weber im 18. Jahrhundert, der erstmals einen mechanischen Webstuhl sieht. Effizienz steigt, die Produktion wächst, doch die entscheidende Frage bleibt: Ist das wirklich die Richtung, in die wir wollen?

Zwischen Werkzeug und Wirklichkeit

Trotz aller Unkenrufe: KI bleibt und wird zunehmend Teil unserer Lebens- und Arbeitsrealitäten. In der Welt des Interior-Designs beschleunigt sie Abläufe, erweitert Möglichkeiten und verändert Erwartungen – bei Kund:innen wie Gestalter:innen. Sie kann helfen, inspirieren und den Zugang erleichtern. Doch zugleich gefährdet sie das, was gute Gestaltung ausmacht: Zeit, Präzision und eine klare Haltung. Die entscheidende Frage lautet daher vielleicht weniger, was KI leisten kann, sondern wie wir mit ihr arbeiten wollen. Denn je leichter sich Bilder erzeugen lassen, desto wichtiger wird die Frage, welche davon überhaupt entstehen sollten.

Autor

the thing Agency